Patienten werden Experten –

Patienten helfen Patienten –

von Migranten für Migranten

So lässt sich das Motto von HelpingHand beschreiben.

Der offizielle Titel des 2009 ins Leben gerufenen Projektes am HIVCENTER lautet:

HelpingHand: Ein Projekt zur Patientenschulung und Begleitung von HIV-Patienten mit Migrationshintergrund.

Der Hintergrund:

Im HIV-Center werden seit vielen Jahren, wie auch im Rest von Deutschland, eine zunehmende Zahl an Migranten aus anderen Herkunftsländern behandelt. Ein Viertel der Patienten ist außerhalb von Deutschland geboren.

Das Bild ist sehr bunt, und die kulturelle Vielfalt im Wartezimmer, die z.T. viel von Müttern mit ihren Kindern geprägt ist, die unter anderem von der Schwangerschaftsberatung angezogen werden, ist für Neuankömmlinge immer wieder beeindruckend.

Durch die lange Erfahrung der Behandler, die alle außer Deutsch mindestens noch Englisch, teilweise auch Französisch und Spanisch sprechen, hat sich im Lauf der letzten Jahre herauskristallisiert, dass dringend Unterstützung und Vermittlung zwischen den Kulturen vonnöten ist.

Das offensichtlichste, aber auch hinderlichste Problem ist die Sprachbarriere - vor allem bei neuen Patienten, die noch nicht lange in Deutschland leben und noch nicht ausreichend Deutsch (oder Englisch) sprechen und verstehen. Trotzdem sind häufig genau diese Menschen in einem schlechten Krankheitsstadium, welches eine oft komplizierte, aber lebensrettende Medikamententherapie notwendig macht. Dazu kommen kulturelle Unterschiede, die auf den ersten Blick nicht ganz so offensichtlich sind. Die regelmäßige Betreuung und Behandlung vor allem über lange Zeiträume – und die HIV-Erkrankung muß lebenslang konsequent behandelt werden – werden dadurch erschwert. Es ist leicht vorstellbar, dass man vor allem in Zeiten der Not einen Ansprechpartner braucht, der den eigenen kulturellen Hintergrund teilt, und auch die unausgesprochenen Probleme versteht.

Gleichzeitig gibt es unter den Patienten viele Migranten, die seit langer Zeit in Deutschland leben, die Sprache sehr gut sprechen und verstehen, und mit dem HIV-Center bzw. den Strukturen der Klinik und des Gesundheitssystems vertraut sind.

Eine Patientenschulung ist ja bereits seit einigen Jahren fest am HIV-Center implementiert. Bei diesen Veranstaltungen fiel auf, dass hauptsächlich Patienten mit deutschem Hintergrund kommen.

Der Gedanke lag nahe, die gut deutsch sprechenden Patienten aus anderen Ländern für eine spezielle Schulung zu gewinnen und als Mittler zwischen Landsleuten und Behandlern einzubeziehen – das Projekt HelpingHand war geboren.

Seit 2009 werden nun fast jedes Jahr 5-8 neue PatientenExperten ausgebildet. Angelehnt an die reguläre Patientenschulung wurde ein neues  Konzept für die PatientenExperten mit mehr Zeit und Unterrichtseinheiten entwickelt. Dadurch gibt es die Möglichkeit  auch auf das deutsche Rechts- und Sozialsystem einzugehen und eine profunde HIV-basierte medizinische Grundausbildung sowie Kenntnisse zur Prävention und Übertragung zu vermitteln. Die Schulung wird nach fünf ganztägigen Schulungsterminen (meist samstags) mit einer Prüfung und einem Teilnahmezertifikat abgeschlossen.

Mittlerweile haben über 30 Patienten aus 13 verschiedenen Ländern die Schulung erfolgreich abgeschlossen. Sie helfen  mit Dolmetscherdiensten oder individueller Patientenbegleitung nicht nur innerhalb des HIV-Centers und auf der Station 68-2, sondern auch außerhalb, z.B. in den HIV-Schwerpunktpraxen oder als Begleiter zu externen Untersuchungen oder Behördengängen. Aufgrund der Mithilfe der Deutschen AIDS-Stiftung als Unterstützer des Projektes können diese Dienste durch eine Aufwandsentschädigung vergütet werden.

Die Schulung und die persönlichen Gespräche, die bei den Treffen entstehen, schweißen die Teilnehmer zusammen. Viele persönliche Freundschaften sind mittlerweile entstanden und HelpingHand ist für manche wie eine zweite Familie geworden.

Rasch haben die begeisterten und motivierten Teilnehmer selbständig weitere Ideen entwickelt, wie sie Landsleute auch außerhalb der direkten Dolmetscherdienste erreichen können:

„Einfach mal jemanden zum Reden haben“ – das hätte sich eine Teilnehmerin sehr gewünscht, als sie vor vielen Jahren ihre Diagnose mitgeteilt bekam – aber sie wusste nicht, an wen sie sich wenden sollte. Die Sorge sich vor Freunden oder Landsleuten zu outen war zu groß.

Im internationalen Kaffeeklatsch kann einmal monatlich an jedem ersten Freitag Kontakt gesucht und gefunden werden. Etwas zum Knabbern ist immer da – immer wieder auch kulinarische Köstlichkeiten aus den entferntesten Ecken der Erde – und die Teilnehmer  von HelpingHand, die die offene Runde mitbegleiten, kommen schnell ins Gespräch mit neuen Gästen.

„Ich möchte nicht, dass mich jemand sieht – ich traue mir noch nicht den direkten Kontakt zu – aber es wäre schon schön, wenn ich jemandem Fragen stellen und mein Herz ausschütten könnte“. Gerade zu Beginn der Diagnose müssen sich viele Patienten langsam an die Krankheit herantasten.

Eine weitere Idee, die auch von den PatientenExperten selbst entwickelt wurde, ist die HelpLine – eine anonyme Telefon- und Internetplattform, die in mittlerweile zehn verschiedenen Sprachen von den PatientenExperten im wöchentlichen Wechsel angeboten werden kann. Sie wurde 2010 mit dem Bundespreis für AIDS-Prävention ausgezeichnet, und vor allem in den Sprachen Amharisch und Tigrinja ist die Nachfrage groß. Während der Telefonsprechzeiten stehen die Mitarbeiter des HIV-Centers den PatientenExperten zur Seite. Durch den psychosozialen Dienst erfolgen ein Coaching und eine individuelle Schulung in der Gesprächsführung am Telefon.

Schauen Sie sich in der Ambulanz mal genauer um. Vielleicht entdecken auch Sie einzelne Mitglieder des Projektes mit einem Namensschild und dem Zeichen HelpingHand. Sie sprechen im Wartezimmer neue Patienten an, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen, und ihre Hilfe anzubieten.

Wir freuen uns, mittlerweile auf ein langjähriges Bestehen des Projektes zurückblicken zu können. Dies wäre ohne die finanzielle Unterstützung verschiedener Institutionen nicht möglich gewesen:

Die Hauptträger sind derzeit die Uniklinik Frankfurt am Main, das Gesundheitsamt der Stadt Frankfurt und die Deutsche AIDS-Stiftung sowie verschiedene Pharmafirmen.

Die aktuellen Unterstützer können auch namentlich auf der Homepage der Telefonhotline www.helpline-online.de eingesehen werden.

Für die Mitarbeiter des HIV-Centers steht jetzt schon fest: die Arbeit mit den Patienten, und deren medizinische Versorgung hat sich durch die Teilnehmer von HelpingHand entscheidend verbessert.

Lust mitzumachen? Wir freuen uns über jeden neuen Teilnehmer! Sprechen Sie die Anmeldung oder Ihren betreuenden Arzt einfach an.

Was wurde bisher erreicht – Zahlen und Fakten:

- Über 30 PatientInnen wurden in Schulungen erfolgreich geschult und erhielten ihr Abschlusszertifikat. Ca. 2/3 der ausgebildeten Teilnehmer gehören über die Jahre zum ehrenamtlichen Team von HH. Bedingt durch Beruf, Krankheit oder Wegzug mussten der eine oder die andere zeitweise oder ganz das HelpingHand Team verlassen. Alle Teilnehmer erfreuen sich an einem Zugewinn an Wissen durch die Schulung und nutzen dieses aktiv für sich und ihr Lebensumfeld. Die medikamentöse Compliance der geschulten Patienten ist mehr als vorbildlich und nicht selten konnte man erleben, dass durch neu gewonnenes Selbstvertrauen neue berufliche und private Perspektiven eröffnet werden konnten.

- Im Laufe dieser Schulungen wurde ein Schulungsheft entwickelt, das sich eng an die Anforderungen und Bedürfnisse der Patienten anlehnt.

- Das Angebot des ehrenamtlichen Teams von HelpingHand neue Patienten zu begleiten wird mehr und mehr nachgefragt, auch außerhalb des HIVCENTERS.

- Die anonyme Telefon- und Internetberatung HelpLine steht. Nachgefragt wird sie insbesondere von afrikanischer Seite.

- Mit dem regelmäßig am ersten Freitag des Monats im HIVCENTER stattfindenden internationalen Kaffeeklatsch als niedrigschwelliges Angebot stellt das Ehrenamts-Team von HelpingHand immer mehr Menschen ihre Arbeit vor und führt Interessierte mit in diese Arbeit ein. Es findet hier auch ein interkultureller Austausch mit deutschen Patienten statt.

- Es finden einmal monatlich Coaching-Termine für die Teilnehmer des Teams statt. Ein interner Newsletter sorgt für die regelmäßige Information aller Teilnehmer.

- Ein jährliches Wochenendseminar dient der Vernetzung und dem Erfahrungsaustausch der Gruppe.

- Eine enge Zusammenarbeit zwischen dem HIVCENTER und dem Amt für Gesundheit der Stadt Frankfurt wurde aufgebaut.